Peter Herbstreuth im Gespräch mit Franziskus Wendels
Über drei Banden ins Loch

Peter Herbstreuth: In Ihren Bildern fällt zuerst die große Bandbreite der künstlerischen Auffassungen auf. Man wird an unterschiedliche Stile erinnert, die sich manchmal überlagern.

Franziskus Wendels: Seit meiner Studienzeit haben mich unterschiedliche künstlerische Traditionen angezogen und ab einem gewissen Punkt unbefriedigt gelassen. Das Problem, das ich mit den vorhandenen Stilen habe, liegt darin, dass sie einen Gedanken gleichsam von selbst ausführen, dass sie ihn quasi exekutieren. Dieser Automatismus macht die Arbeit leblos und uninspirierend. Sie wird starr. Und das ist der Punkt, an dem ich die Vorgaben des Stils verlasse. Denn ich glaube, dass für einen Künstler die interessantesten Orte die Zwischenräume sind, also jene Orte, an denen etwas im Übergang und eher Frage als Antwort ist.

PH: Ich habe bei vielen Ihrer Arbeiten beim ersten Blick an Fotografie gedacht. Beim zweiten Blick wurde mir klar, dass es um etwas anderes geht. In der Kunstgeschichte macht man die Unterscheidung zwischen disegno interna und disegno externa. Ihnen geht es weniger um die Wiedergabe des äußerlich bereits Sichtbaren, sondern eher um Imagination. Sie fügen dem bereits Sichtbaren etwas hinzu.

FW: Das stimmt, mich interessiert eigentlich sehr viel mehr die Vorstellung und die Erinnerung einer Sache als das konkrete Abbild. Auch aus diesem Grund arbeite ich fast nie mit Fotografien, sondern mit Skizzen, die ich vor Ort mache und die eher den Charakter einer Gedankenstütze haben. Das Bild entsteht dann im Atelier meist über den Weg mehrerer Studien, quasi als Dialog zwischen meiner Erinnerung und dem Idealbild einer Sache.

PH: Wobei auffällt, dass die subjektiven Aspekte sehr zurückgenommen sind. Viele Werke haben eine gleichsam objektive Form. Dies gilt besonders für die abstrakteren Bilder, zum Beispiel Fahrschule, das einem zunächst wie im Stil des Konstruktivismus exekutiert vorkommt.

FW: Der Reiz dieser Arbeit besteht für mich darin, dass sie auf unterschiedliche Weise lesbar ist. Man kann sie räumlich sehen, als Einblick oder als Ausblick. Man kann sie aber auch als Komposition sehen, als eine streng gegliederte Anordnung von acht Flächen, die zusammen wieder ein Rechteck ergeben, was in etwa dem Bildformat entspricht. Hinzu kommt, dass jede Form zweimal auftaucht, wodurch sich gewisse Symmetrien ergeben.

PH: Und doch ist das Bild kein konstruktivistisches. Die Flächen sind nicht klar und streng begrenzt, sondern verschwimmen, wodurch die Gesamterscheinung lebendiger, offener und uneindeutiger wird.

FW: Genau das war die Absicht. Es ging mir auch gar nicht um das Teilen von Flächen nach einem mathematischen Prinzip. Diese Arbeit spielt mehr mit der Strenge, als dass sie selber streng wäre. Vor allem spielt sie mit der Vieldeutigkeit ihrer eigenen Wahrnehmungsmöglichkeiten.

PH: Ihre Arbeiten haben sehr viel mit Licht zu tun und doch geht es nie um gleißendes, grelles Licht, sondern eher um Dämmerung, um die Zwischentöne. Der Philosoph Hannes Böhringer hatte in einem Aufsatz über die Avantgarden geschrieben, dass bei den für das 20. Jahrhundert wesentlichen Arbeiten vieles von dem, das hell und klar erscheint, bei genauem Hinsehen unscharf, dunkel und fleckig wird. Umgekehrt würde das Dunkle, Unklare bei genauerem Hinsehen deutlicher. Hell und Dunkel verschwimmen zu einem komplexen Gemisch.

FW: Können Sie das ausführen?

PH: Während der Wille zu erkennen versucht, die Unterscheidung von Hell und Dunkel deutlich und stark zu machen und Grenzlinien klar und möglichst strikt zu ziehen, gibt es den von den künstlerischen Avantgarden favorisierten umgekehrten Weg, gerade die Übergänge und Grauzonen ins Bewusstsein zu rücken und die Unterscheidungen ungewiss zu machen. Letzteres scheint mir für Ihre Arbeit charakteristisch.

FW: Das ist ein interessanter Hinweis. Ich glaube, es gibt tatsächlich diese beiden Richtungen des Denkens – Dinge festzustellen oder umgekehrt sie in Fluss zu bringen. Mich interessiert vor allem letzteres, wobei man fast zwangsläufig auf beides angewiesen ist.

PH: Dabei gibt es bei vielen Ihrer Bilder einen dramatischen Aspekt. Ich hatte den Bezug zur Fotografie erwähnt. Aber je länger ich die Bilder anschaue, desto wichtiger erscheint mir die Nähe zum Film. Viele Bilder erzeugen nicht nur eine sehr eigene Atmosphäre, sondern auch eine Spannung. Man hat das Gefühl, gleich passiert etwas, gleich bricht in diese Ordnung irgendetwas ein. Dies wird verstärkt durch die Tatsache, dass auf keiner Ihrer Arbeiten eine Person zu sehen ist, und doch glaubt man die Anwesenheit von Personen zu spüren.

FW: Ich versuche Bilder zu machen, die das Potenzial haben, etwas anzustoßen und wachzurufen, die eine Geschichte erzeugen, ohne sie im Detail zu erzählen. Von daher ist der Vergleich mit dem Film richtig. Ein guter Film kann eine Geschichte erzählen, indem er ein Bild einfach anhält. Die Handlung läuft weiter und öffnet sich. Man weiß, dies oder jenes geschieht, auch wenn man es nicht sieht. Was den zweiten Punkt betrifft, glaube ich, dass leere Räume eine ganz eigenartige Präsenz erzeugen. Sie sind quasi die Hülle, die Außenform, die Negativform, die das Eigentliche durch sein Fehlen erzeugt.

PH: Ihre Arbeiten wirken auf mich wie ein Spiel über Banden. Eine Kugel geht über drei Banden, ehe sie fast überraschend ins Loch geht.

FW: Das ist ein sehr schönes Bild. Ja, mich interessiert genau diese Indirektheit. Die Welt ist größer und assoziationsreicher, wenn man über Banden spielt.

PH: Und es geht mehr ins Loch als die Kugel.

FW: Ja, wobei ich mir nicht sicher bin, ob Kunstwerke überhaupt zu einem Ziel kommen, sprich ins Loch gehen sollen.

PH: Wohin sollen denn Kunstwerke gehen, Ihrer Meinung nach?

FW: Ich glaube, Kunstwerke sind Metaphern ohne Heimat.

Peter Herbstreuth ist Kritiker und freier Ausstellungskurator. Dieser Text entstand für den Katalog „Franziskus Wendels – LichtZeit“ (2002).

Das Bild zeigt eine dunkle, wenig erkennbare Szene mit grobkörniger Textur und unklaren Formen.
Ein Wasserhahn vor einem Fenster mit einem Gebäudebild im Hintergrund.
Uneclaire, schemenhafte fensterartige Strukturen, die durch Licht hinterleuchtet werden.
Nebel oder Dampf vor einem schwarzen Hintergrund, mit weißen Linien im Vordergrund.