Die Lust am Sehen oder vage Erinnerungsbilder

Anmerkungen zum Werk von Franziskus Wendels

Dr. Ute Bopp-Schumacher, August 2012

Pendeln zwischen verschiedenen Welten

Der 1960 in Daun in der Eifel geborene Künstler Franziskus Wendels pendelt zwischen Welten: zwischen Großstadt und Landleben, zwischen seiner Wahlheimat Köln und seinem Geburtsort Daun. An beiden Orten unterhält er ein Atelier; in Daun ist die Werkstatt zusätzlich mit einem beeindruckenden Lager kombiniert. Die oft in Serien entstehenden Arbeiten werden jedoch überwiegend in Köln entwickelt. Wendels’ künstlerisches Schaffen und seine Motive sind von beiden Welten gleichermaßen geprägt.

Großstadt

Dem Reiz des Urbanen ist Franziskus Wendels seit seinen Studienjahren verfallen, die ihn nach Mainz, Montpellier und Berlin führten. Frühe Arbeiten zeigen städtische Straßenfluchten im Lichtermeer und Hochhaussilhouetten mit topografischen Details des Kudamms in Berlin, der Fifth Avenue in New York oder des Boulevard Royal in Luxemburg. Ziel war es, das pulsierende Leben einzufangen – und was eignete sich hierfür besser als Millionen einzelner Lichtquellen?

Die Lichtreflexe auf den damals noch pastos aufgetragenen Farbpunkten bieten dem Auge keinen Ruhepunkt und verlocken dazu, die gesamte Bildfläche optisch abzutasten. So gelingt es Wendels, die allgegenwärtige Reizüberflutung und das flirrende Großstadtklima visuell zu vermitteln. Die Großstadtmotive beschäftigen den Künstler bis heute; insbesondere in den schemenhaften Zeichnungen auf seinen Materialassemblagen tauchen Hochhäuser und beleuchtete Straßenzüge erneut auf.

Landleben

Neben seiner Kindheit auf dem Land verspürt Franziskus Wendels bis heute eine starke Affinität zu Heimat und Familie. Bei regelmäßigen „Landfluchten“ sucht er Weite, Natur, Ruhe, Stille und Konzentration. Vom Landleben inspirierte Motive sind die Hochsitze (S. 64–67), die dick verschneiten Häuser (S. 70–73), die Sprungtürme am Gemündener Maar (S. 78, 79) sowie weite, einsame Landschaftsräume.

Die nächtlichen Seeansichten Februar 8, Februar 9 und Februar 14 (S. 41, 43, 45) sind in ein nahezu unwirkliches Licht getaucht, wie man es aus klaren Vollmondnächten kennt. Mond oder Sterne bleiben jedoch unsichtbar; auch künstliches Licht stört die Bildstimmung nicht. Die magisch beleuchteten Nachtlandschaften lösen sich beinahe in Abstraktion auf und entfalten eine meditative Wirkung.

Nachtstücke

Seit jeher fasziniert die Nacht Künstler, Dichter und Schriftsteller. Als Motiv ist sie ambivalent besetzt: Ort der Ruhe und des Rückzugs ebenso wie der Vergnügungen, des Rauschs und der Liebesnächte. Zugleich ist sie Projektionsfläche von Angst, Unheimlichkeit und Tod. In der Romantik wurde die Nacht glorifiziert – man denke an Novalis’ Hymnen an die Nacht – während sie für die Expressionisten Sinnbild der dunklen Seiten menschlicher Existenz wurde.

Die Nacht der Großstadt unterscheidet sich grundlegend von der Nacht auf dem Land. Hier das Lichtermeer, Verkehr, Restaurants und Cafés; dort Dunkelheit, tiefe Schwärze und Stille. In Wendels’ Oeuvre finden sich zahlreiche Nachtstücke. Die Nacht ist die bevorzugte Zeit, in der sich seine Bilder ereignen. Durch die Kontrastierung mit Schwarz treten die helleren Bildgegenstände verstärkt hervor, teilweise scheinen sie vor einem unendlich wirkenden, undefinierbaren Raum zu schweben – etwa in der um 2002 entstandenen Serie mit Kronleuchtern.

Wendels inszeniert das spärliche Licht so, dass die Motive vor dunklem Grund zu leuchten beginnen. Durch das subtile Austarieren von Hell und Dunkel entstehen geheimnisvolle Stimmungsbilder, die in der Tradition großer Nachtdarstellungen stehen – man denke an Adam Elsheimers Flucht nach Ägypten.

Geschichtenerzähler?

Das Licht zieht in Wendels’ Bildern den Blick magisch an und macht neugierig. Wir wollen mehr wissen, als wir sehen. Die Arbeit Blind Date 3 (S. 25) wirft Fragen auf: Wer trifft wen, wann und wo? Die karge Szenerie – eine Jalousie, durch die Licht fällt, ein Doppelbett mit brennender Nachttischlampe – setzt die Fantasie des Betrachters in Gang.

Ähnlich verhält es sich bei Unterdessen (S. 16): Ein Gang führt auf ein unscharf wahrnehmbares, helles Licht zu. Ist es Ziel oder Durchgang? Wohnung oder Hotel? Auch Farewell 2 (S. 33) evoziert Abschied und Neubeginn: eine nächtliche Stadtlandschaft mit Brücke, leeren Straßen und verschlossenen Fenstern erzeugt eine melancholische Grundstimmung.

Wendels’ Bilder sind narrativ und zugleich verschlossen. Sie erzählen keine Geschichten, sondern lösen Assoziationsketten aus. Es entstehen innere Filme, gespeist aus eigenen Erinnerungen, aus Literatur und Kino. Nicht selten stellt sich ein Déjà-vu-Gefühl ein. „Erinnerungsbilder“ – dieses Phänomen beschäftigt den Künstler seit Langem.

Serien

Franziskus Wendels arbeitet bevorzugt in Serien. Über Wochen und Monate variiert er Themen wie nächtliche Straßengefüge oder von kugelförmigen Lampen beleuchtete Caféhäuser. Zu den jüngeren Serien zählen die Treppenbilder Inkognito und Up and Down (S. 12–15, 17, 20/21, 28/29). Sie kommen aus dem Nichts und führen ins Ungewisse. Titel und Lichtführung evozieren Spannung, bis hin zu Assoziationen an Thriller oder Kriminalromane.

Farbgebung

Subtil und überlegt bespielt Wendels seine Leinwände. Die Werke der letzten Jahre zeigen kaum noch malerische Handschrift. In vielen Schichten aufgerollte Lasuren erzeugen glatte, nahezu perfekte Oberflächen. Tiefes Grünblau, Stahlblau, Rosé, Rot, Schwefelgelb, Ocker, Grau und Schwarz bestimmen die Bildräume. Farbe beeinflusst die psychologische Wirkung entscheidend: Gleichartige Motive erscheinen je nach Farbigkeit geheimnisvoll, bedrohlich oder meditativ.

Unschärfe

Neben Farbe und Licht ist die Unschärfe ein zentrales Merkmal von Wendels’ Werk. Sie entzieht sich eindeutiger Deutung und öffnet einen unterbestimmten Raum, den der Betrachter aktiv füllt. Unschärfe ist längst zu einem selbstverständlichen Stilmittel visueller Gestaltung geworden. Wendels formulierte 2008: „Diese Mehrdimensionalität scheint mir das zu sein, was Kunst eigentlich spannend macht. Die Attraktivität eines Werkes ist dann nur der Lockstoff oder die äußere Klammer.“

Für die Ausstellung Unscharf: Nach Gerhard Richter in der Hamburger Kunsthalle (2011) wurde Wendels als einer von 23 Künstlern ausgewählt – bislang die einzige institutionelle Großausstellung zum Thema Unschärfe.

Titel

Auch die Titel sind vieldeutig. Die Hochsitze heißen Duell, obwohl kein Kampf sichtbar ist. Rendezvous 10 zeigt ein leeres Café als Ort einer möglichen Begegnung. Members only 4 evoziert Exklusivität und Ausschluss, obwohl wir nur einen leeren Raum sehen. In der Serie Geisterfahrer begegnet uns kein Verkehrssünder, sondern ein einzelnes Auto – ein fahrender Geist.

Skizzen

Beim Flanieren durch die Stadt hält Wendels Situationen, Motive und Lichtstimmungen in Skizzen fest. Fotografische Vorlagen nutzt er kaum. Aus Skizzen und Erinnerung entstehen Studien, aus denen schließlich die Gemälde hervorgehen. Die Reduktion der Zeichnungen findet sich auch in den mit phosphoreszierender Farbe bemalten Materialassemblagen wieder.

Lichtinstallationen

Die begehbaren Lichtinstallationen changieren zwischen glitzernder nächtlicher Stadtlandschaft und ernüchternder Ansammlung von Alltagsgegenständen. Im Wechsel von Licht und Dunkelheit wird die Ambivalenz unserer Existenz sichtbar – zwischen Faszination und Realität, Traum und Alltag.

Franziskus Wendels’ Arbeiten wecken die Lust am Sehen. Sie fesseln den Blick, regen die Fantasie an und erweitern das eigene Bilderrepertoire. Seine Werke bringen Erinnerungen zurück ins Bewusstsein – vage, unscharf, aber umso eindringlicher.

Dunkler Raum mit schwachem Licht, Fenster an der linken Seite, Lichtquelle in der Mitte im Hintergrund.
Ein Unterwasser-Bild eines verlassenen, kaputten Dock mit Trägern
Dunkler Flur mit beleuchteten Türen und Treppe
Dunkle Straßenszene bei Nacht mit wenigen Fahrzeuglichtern
Dunkle Stadtlandschaft mit leuchtenden grünen Linien und Gebäuden.